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Den Prater im Herzen

Interview

Den Prater im Herzen

In eine Praterfamilie hineingeboren, trat der jetzige Praterverbandspräsident bereits mit 20 Jahren in die Fußstapfen seiner Eltern. Im Interview gibt uns Stefan Sittler-Koidl Einblicke in sein Leben.

Hallo Stefan! Wer bist du? Was machst du? Erzähl uns ein bisschen was über dich.

Ich stamme aus einer alten Praterfamilie, die schon seit 1921 im Prater ansässig ist. Mit meinem Urgroßvater hat alles begonnen und in diesem Sommer feiern wir unser 100. Jubiläum. Gemeinsam mit meinen vier Kindern und meiner wunderbaren Frau Karin lebe ich mitten im Wurstelprater.

Mit meiner Frau betreibe ich unter dem Namen Koidl-Vergnügungsbetriebe insgesamt dreizehn Betriebe im Prater – zwölf Fahrgeschäfte und eine kleine Gastronomie. Dazu gehören der Insider, eine Indoor-Achterbahn, das Volare, eine Achterbahn, bei der man am Bauch liegt, das wunderschöne Blumenrad, der interaktive Snowrider namens Eisberg und das Kult-Evergreen-Karussell Breakdance. Des Weiteren betreiben wir den Jumper, den Airmax und den Freifall-Turm, bei dem man aus 80m Höhe fallengelassen wird. Dann haben wir auch noch eine Geisterbahn, ein Kinderautodrom, ein Kinderkarussell, ein Glaslabyrinth und schließlich eine Bar, die ausschließlich Bio-Lebensmittel und -getränke serviert.

Welches eurer Fahrgeschäfte liegt dir besonders am Herzen?

Meine große Leidenschaft ist das Entwickeln und Neubauen, deshalb ist das von uns zuletzt entwickelte Projekt mein aktuelles Lieblingsprojekt. Aber mir macht auch der Airmax sehr große Freude und das, obwohl er anfangs technisch betrachtet ein Rohrkrepierer war. Als wir ihn 2019 übernommen und im Wurstelprater aufgebaut haben, war die Fahrweise so unangenehm, dass er überhaupt nicht funktioniert hat. Ich hab ihn dann mit meinen Technikern in Eigenregie umgebaut. Wir konnten das Fahrgefühl ungemein verbessern und es macht mir irrsinnig Freude, wenn ich Fahrgäste jetzt mehrfach fahren sehe.

Hast du schon das nächste Projekt vor Augen?

Ja, der Wiener Looping. Mein Schwiegervater hatte schon vor 40 Jahren die Idee, den Bereich vor unserer Geisterbahn weiterzuentwickeln und auszubauen – das würde ich gerne umsetzen.

Wenn du selbst ein Fahrgeschäft wärst, welches wärst du dann?

Gute Frage, das ist ur spannend. Ich bin selbst kein fanatischer Karussellfahrer, also ein Rundfahrgeschäft wär ich auf keinen Fall. Ich glaub eher was langsames, wie eine Grottenbahn oder Themenfahrt. Die find ich sympathisch und ich bin genauso vielfältig – manchmal bin ich müde, manchmal voll motiviert, manchmal bin ich verliebt und manchmal ängstlich. Ja, ich wäre eine Themenfahrt – eine schöne – aber ohne Wasser.

Welche Bedeutung hat der Wurstelprater für dich?

Tatsächlich hab ich mich bis zu meinem 20. Lebensjahr nicht wirklich mit dem Prater identifiziert. Ich konnte mir nicht vorstellen so wie meine Eltern das Leben im Prater zu verbringen, sondern hab‘ den Plan gehabt, Polizist zu werden.

Heute aber steh ich auf den dörflichen Charakter des Wurstelpraters mitten in der Stadt. Ich hab tagtäglich mit Menschen zu tun, die mich kennen, seit ich auf der Welt bin – das hat schon seine ganz eigene Dynamik. Es ist natürlich öfters auch eine Herausforderung, aber es ist auch schön, wenn ich zum Beispiel aus der Haustür geh und meine Eltern seh. Auf das steh ich einfach. Heute bedeutet mir der Prater alles. Er gibt mir Identität und ist meine Heimat. Er ist meine Familie. Wie der legendäre Praterpräsident Eduard Lang einmal gesagt hat: „…der bedeutet mir mehr als mei Familie.“

Hältst du den Beruf des Schaustellers für Kunst oder Wissenschaft?

Beides. Eine Wissenschaft insofern, weil du als Schausteller*in oder Praterunternehmer*in ja von Wirtschaftstreuhänder*in über Mechaniker*in bis Straßenkehrer*in alles abdecken musst – nicht umsonst heißt es ja „selbst und ständig“. Und eine Kunst ist es, weil du zusätzlich auch DJ, Radioansager*in und teilweise auch Psychotherapeut*in bist, wennst mit den Bsoffenen ins Gespräch kommst. Das ist das schöne – du kannst dich in dem Beruf auf allen Ebenen entwickeln.

Was sind deine Aufgaben als Praterverbandspräsident?

Den Wurstelprater im Herzen tragen, bei allem was man tut. Man hat viele Sitzungen, Besprechungen und Treffen mit Kooperationspartner*innen. Also scheu darf man nicht sein. Es geht sehr viel ums Tun, ums Dasein und ums Vernetzen.

Warum wolltest du Praterverbandspräsidenten werden?

Wir hatten das wiederkehrende Thema, dass für viele Betreiber*innen die Besucher-Frequenz nicht ausgereicht hat, um alle Mitarbeiter*innen entsprechend durchgehend beschäftigen zu können. Wenn’s dabei nur um eine Mitarbeiter*in geht, dann schaut die halt fern in der Kassa, isst einen Cheeseburger oder raucht eine Zigarette und lässt den Tag bis 00:30 Uhr irgendwie ausklingen. Das ist zwar nicht effizient, aber es geht nur um eine Person. Wenn’s dabei aber um 10 Mitarbeiter*innen geht, ist das schon ein anderes Thema. Meine Frau und ich hatten fast täglich Diskussionen, wie wir damit umgehen sollen.

Dann habe ich mir gedacht, dass wir einfach schauen müssen, wie wir die Frequenz im Wurstelprater erhöhen können. 2014 ist uns das dann mit guten Ideen, Mut und finanzieller Motivation – und, zugegeben, Traumwetter – gelungen. Mittlerweile haben sich viele Unternehmen getraut das Ruder an die jüngeren Generationen zu übergeben – und ich glaube gemeinsam wir meistern das ganz gut!

Was gefällt dir an deinem Job am meisten?

Die Liebenswürdigkeit, mit der man aufgenommen wird. Ich bin kein Vertreter einer Firma oder eines Konzerns, ich bin kein Politiker oder Wirtschaftskammervertreter, sondern ich vertrete den Prater, und der steht für Vergnügen und Spaß. Alle die mir begegnen, haben ihre eigene Pratergeschichte, die es ermöglicht Anknüpfungspunkte zu finden. Und selbst wenn jemand keine hat, steht da meist eine eigene Geschichte dahinter.

Was mich am meisten freut, ist, dass ich nicht irgendeinen starren Inhalt vertrete wie so ein stumpfsinniger Verkäufer oder ein Salesman – sondern ich vertrete den Spaß. Ich arbeite im Auftrag des Vergnügens.

Wenn du eine Sache im Wurstelprater ändern könntest, welche wäre das?

Ich würd die große Aktionsfläche, auf der immer unterschiedliche Fahrgeschäfte gastieren, einer sinnvollen, längerfristigen Nutzung zuführen, die dem Prater noch mehr bringt. Ich hab da unterschiedliche Projekte im Kopf – ein Filmfestival zum Beispiel. Auf jeden Fall etwas, dass dann ein paar Jahre dort stattfindet.

Wo siehst du dich selbst in 10 Jahren?

Auf der dann schon neu benannten Zufahrtsstraße vor unserer Geisterbahn. Und vielleicht – hoffentlich – gemeinsam mit meinen Kindern im Betrieb. Ich warte schon sehnsüchtig drauf. Unsere Älteste ist jetzt 19 und vielleicht ergeht es ihr so wie mir und sie steigt ein, um zu bleiben. Zerst sitzt sie amoi fünf bis sechs Jahre in der Kassa. Und wird dann zur Chefin. Und wenns soweit is, zieh ich nach Ibiza (lacht).

Was ist dein Lebensmotto?

“We never get what we want, we get what we ask for.” Also, du bekommst nicht, was du gerne hättest – du bekommst das, wonach du verlangst. Wenn du wartest, bis wer auf dich zukommt, dauert es ewig. Du solltest schon hingehen und sagen, „ich will.“

Was würdest du Besuchern empfehlen, die zum ersten Mal im Wurstelprater sind?

Sie sollten sich viel Zeit nehmen, da es so viel zu entdecken gibt. Vom Riesenrad über die Lilliputbahn und die ganzen Fahrgeschäfte bis hin zur hervorragenden Gastronomie. Und natürlich die schöne Hauptallee. Wenn man sich da einen Tag – wirklich von Vormittag bis in die Nacht hinein – Zeit nimmt, kriegt man alles unter und kann den Tag perfekt in einer Bar oder in einem Schanigarten ausklingen lassen. Und vielleicht auch bis am nächsten Tag um sechs Uhr in der Früh tanzen, leben und lieben.

 

Zur Person:
Stefan Sittler-Koidl wurde am 5. Februar 1980 in Wien geboren. Gemeinsam mit seiner Frau Karin Koidl leitet er heute die Koidl-Vergnügungsbetriebe mit zwölf Fahrgeschäften und einer Bio-Bar. Seit 2014 ist Stefan Präsident des Wiener Praterverbands.